Ein haariges Thema: K├Ârperhaare zwischen Feminismus und Body Positivity

Unsere Kollegin Mareike Oehrl hat auf der #GOR18 ein Poster über eine Instagram Analyse zu #bodyhairdontcare vorgestellt. Daraus ist der folgende Artikel entstanden: 

Wir leben in einer körperbewussten Gesellschaft. Nicht nur am Anfang des Jahres, zu dem sich Fitnessstudios vor Neuanmeldungen nicht retten können. Nein, der Körper wird im neoliberalen Zeitalter zum Maßstab für das eigene Selbst. Der perfekte Body als Gradmesser für die eigene Leistungsbereitschaft und den Erfolg.

 Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Schon immer gab es bestimmte Körpermaße, die als erstrebenswert galten. Und sie wurden auch schon immer in und durch öffentliche Diskurse bestimmt. Doch heutzutage wird der Druck auf den Einzelnen, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, durch traditionelle Medien als auch durch Social Media immer höher. Gerade auf Instagram, einer höchst visuellen Plattform, wird sozial ausgehandelt, was als normal und erstrebenswert oder abnormal und abzulehnend gilt. Der Körper wird damit zum symbolischen Kapital: Ein schöner und gesunder Körper ist das Sinnbild einer gelungenen Lebensführung. Durch seine bewusste Formung bietet er Halt und Orientierung – und die Möglichkeit, seine Identität auszudrücken.

Die unterschiedlichen Spielarten von Identitätsgenese und sozialer Aushandlung von Körperidealen auf Instagram ist vielfach untersucht worden. Egal ob #thinspiration oder #bellybuttonchallenge: Studien zur Körper-Diskursen auf Instagram fokussieren meistens auf die negativen Auswirkungen des Postens. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich das Anschauen von körperbezogenen Bildern auf Instagram negativ auf die eigenen Körper-Bedenken auswirkt. Der dem gängigen Schönheitsideal entsprechende Körper ist das, was präsentiert wird und an dem man sich orientiert.

Allerdings bietet Instagram auch die Möglichkeit, diversere Körperbilder zu präsentieren. Im Web spricht man dabei gerne von „Body Positivity“. Und genau darum soll es in diesem Blogbeitrag gehen: Wie wird Instagram genutzt, um die existierenden Schönheitsstandards von Frauen zu diskutieren? Dabei schauen wir gezielt auf Körperhaare. Hier gab es zuletzt einen Shitstorm, als das schwedische Model Arvida Byström ihre behaarten Beine in einer Werbekampagne zeigte. Die Reaktionen reichten dabei von Beschimpfungen bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen. Während das Model und ihr Auftraggeber vermutlich Provokation zum Ziel hatten, stellt sich eine andere Frage: Warum zeigen andere Frauen ihre behaarten Körperteile auf Instagram?

Für unsere Analyse betrachten wir den Hashtag #bodyhairdontcare. Er eignet sich am besten, da er ausschließlich von Frauen benutzt wird (im Gegensatz zu #unshaven oder #hairypits). Dabei nutzen wir nicht nur den Posting-Text, sondern auch das verwendete Bild und die genutzten Hashtags. Unsere Ergebnisse basieren auf rund 200 Posts, die wir nach dem Prinzip der theoretischen Sättigung analysiert haben.

Warum also zeigen Frauen ihre behaarten Körperteile auf Instagram? Dafür gibt es unterschiedliche Motive. Wir konnten insgesamt vier Typen von Frauen erkennen, die aus verschiedenen Gründen auf Instagram über ihre Körperbehaarung sprechen.

Typ 1 - Die Frau par excellence: Sie gibt vor, nach Natürlichkeit und Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zu streben. Sich nicht zu rasieren, soll dazu beitragen. Allerdings sprechen die Bilder dieser Frauen eine andere Sprache: Frauen, die dem gängigen Schönheitsideal mehr als entsprechen, posieren in Dessous und Kleidern. Ihr deutlich geschminktes Gesicht ist dabei immer sehr gut erkennbar. Es scheint diesen Frauen daher weniger um Natürlichkeit zu gehen. Sondern um ein Spiel mit der eigenen Identität: „Heute probiere ich mal Achselhaare aus.“ Im Gegensatz zu den anderen drei Nutzer-Typen bleiben sie sich dabei aber auf einer Werte-Ebene treu: Man ist Frau, wenn man sich herrichtet und dies anderen zeigt.

Typ 2 - Die versteckt Natürliche: Diese Frauen möchten zu ihrer Körperbehaarung stehen, haben aber Angst vor Stigmatisierung. Oft, weil sie früher Probleme mit ihrer (starken) Körperbehaarung aufgrund von Ausgrenzung verschwiegen haben. Deshalb zeigen sie nicht ihr Gesicht, sondern mehrheitlich behaarte Beine. Die Bilder wirken spontan und zeigen wenig Weiblichkeit. Neben der Selbstoffenbarung ist auch die Akzeptanz der eigenen Körperbehaarung ein wichtiges Motiv, weswegen sie auf Instagram posten. Ihr geht es also eher um Identitätsherstellung als um ein Spiel mit derselben.

Typ 3 - Die selbstbewusste Körperliebhaberin: Für sie ist das Posten sehr ich-bezogen. Indem sie (potentiellen) anderen ihre Körperhaare zeigt, beweist sie sich einerseits selbst, ihren Körper zu lieben (#bodypositivity). Andererseits aber auch, über genügend Selbstbewusstsein zu verfügen, sich mit sozial nicht-akzeptierten Körperhaaren über gängige Schönheitsideale hinwegzusetzen. Auf ihren Fotos sieht man sie in Gänze. Sie versteckt sich nicht. Sie betont den Körper als Ganzes, nicht das Gesicht, damit der Fokus auf ihrer positiven Haltung zum eigenen Körper liegt. Ihre Feminität setzt sie nicht bewusst sein: Es gibt keine aufreizenden Posen oder stark inszenierte Fotos.

Typ 4 - Diskutierende Feministen & Feministinnen: Das Rasieren von Körperhaar gilt bei diesen Nutzern als von der Gesellschaft oder dem Patriarchat auferlegtes Schönheitsideal. Das Nichtrasieren und Zeigen von Körperhaar gilt als Möglichkeit, eigene Schönheitsideale (um)zusetzen und mit den gängigen zu brechen. Im Gegensatz zu den anderen Typen geht es den FeministInnen weniger um sich selbst (Identität), als um die Diskussion mit anderen zu befeuern. Sie posten nur selten Fotos von sich selbst, sondern eher Cartoons, die zum Nachdenken anregen oder provozieren.  

Unsere Analyse zeigt, dass Instagram mehr ist als eine digitale Plattform, die lediglich Spaß und Unterhaltung bedient. Neben der Bestätigung körperlicher Idealbilder wird sie im Rahmen der Body-Positivity-Bewegung vielmehr auch als Mittel genutzt, um gesellschaftliche Sichtweisen zu beeinflussen: NutzerInnen versuchen alternative Selbst- – und damit auch Frauenbilder – zu etablieren. Gleichzeitig trägt Instagram durch seine Vergemeinschaftungsfunktion (Versammlung der Nutzer zu einem Thema anhand eines Hashtags) dazu bei, soziale Identität zu generieren und Stigmatisierung zu überwinden. 

Autorin: Mareike Oehrl

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